Besuch der Gedenkstätte SA-Gefängnis Papestraße

Veröffentlicht am 19.08.2016 in Abteilung
 

Foto: Wolfgang Mohns

Rund 20 Teilnehmer_innen folgten am Sonntag, dem 14. August, dem gemeinsamen Aufruf von AG 60 plus und Abteilung Tempelhof zum Besuch des Gedenkorts SA-Gefängnis Papestraße. Unweit des heutigen Bahnhofes Südkreuz hatte das NS-Regime im Keller eines Gebäudes der ehemaligen Kasernen an der General-Pape-Straße ein frühes Konzentrationslager eingerichtet. Von März bis Dezember 1933 wurden hier nachweislich rund 500 heute namentlich bekannte Menschen gefangen gehalten, verhört, entwürdigt und gefoltert. Etwa 30 Gefangene mussten die brutale Gewalt der SA mit dem Leben bezahlen oder starben an den Folgen der Misshandlungen. Frau Strunge von den Museen Tempelhof-Schöneberg führte unsere Gruppe kompetent durch die Ausstellung, erläuterte die Funktion der einzelnen Räume und veranschaulichte anhand von Dokumenten, Einzelschicksalen und erhaltener Spuren am Gebäude die schreckliche Zeit dieses Haft- und Folterortes.

Mit dem Besuch des KZ Papestraße wollte die Abteilung Tempelhof die Gedenkveranstaltung vom 2. April zum 125. Jahrestag ihres Bestehens um das Thema Verfolgung und Widerstand im Dritten Reich ergänzen. Dies tat unser Genosse Christian Heidler, indem er die Lebensläufe zweier in der Papestraße inhaftierter Sozialdemokraten vorstellte:
Erich Flatau war unter anderem Vorsitzender der SPD-Fraktion in der Berliner Stadtverordnetenversammlung und Funktionär des Allgemeinen freien Angestelltenverbundes. Als am 2. Mai 1933 die Gewerkschaften zerschlagen wurden, nahm ihn die SA in „Schutzhaft“ und verbrachte ihn für zwei Wochen in die Papestraße, wo er auch misshandelt wurde. Nach Freilassung, Flucht nach Prag, Rückkehr nach Berlin, zweijähriger Arbeitslosigkeit, gewerkschaftlicher Widerstandstätigkeit sowie zweimaliger Inhaftierung im KZ Sachsenhausen trat er kurz nach Kriegsende wieder der SPD bei und beteiligte sich in Tempelhof am Wiederaufbau der Gewerkschaften. Gesundheitlich durch die KZ-Zeiten schwer beeinträchtigt verstarb Flatau bereits Anfang Februar 1946. Franz Czeminski war Stadtverordneter für den Wahlkreis Schöneberg, Berliner Stadtrat für Siedlungs- und Wohnungswesen und Aufsichtsratsvorsitzender der Genossenschaftssiedlung Lindenhof. Zusammen mit anderen Siedlungsgenossen wurde er am 12. April 1933 von der SA verschleppt und schwer misshandelt. Von den Nazis aus allen Ämtern entlassen lebte Czeminski von einer „Gnadenpension“ und soll Angehöriger des Widerstandskreises um Julius Leber gewesen sein. Der Bezirk Schöneberg ehrte ihn 1961 posthum durch Umbenennung der ehemalige Siegfriedstraße auf der „Roten Insel“ in Czeminskistraße.

Nach fast zweistündiger Führung verließen wir tief ergriffen den Gedenkort. Unser Vorsitzender Jens Fischwasser beschreibt seinen Eindruck vom Gedenkort so: „Am meisten hat mich der Gedenkraum beeindruckt. Ein schlichter Keller ohne jegliche Symbolik an den Wänden. Auf einer kleinen Bank sitzend fällt der Blick auf zwei die Kellerfenster verdeckende Stahlplatten, in die die Namen der Todesopfer gefräst wurden. Das Tageslicht wirft diese Namen in unterschiedlichen Konstellationen auf die Wände und den Boden. Sie erscheinen flüchtig und verschwinden wieder, je nach Tageszeit. So sind diese Menschen präsent und können doch diesem Ort entfliehen was ihnen damals leider verwehrt wurde." (Text: Christian Heidler)